Die Bibliothek von Torba

 

Der junge Priester blickte sich um und lies seinen Blick über die im Abendrot schimmernde weite Ebene gleiten. In der Ferne sah er wie sich die silbrige Wasseroberfläche des Elon durch die fruchtbare Landschaft schlängelte. Von dort war er heute morgen aufgebrochen und jetzt erhoben sich vor ihm die Mauern der Stadt Torba.

Die Enge der Straßen und Gassen verlieh dieser Stadt etwas Düsteres, im dichten Gedränge der Menschen konnten sich allerlei zweifelhafte Gestalten verbergen. An diesem Ort war Vorsicht geboten, besonders für Alleinreisende. Lomir hatte sich auf diese beschwerliche Reise begeben, weil er nur hier in der Bibliothek von Torba finden konnte, was er so dringend benötigte: das verbotene Zauberbuch des Kaginde von Adu. Aber im Augenblick war es am wichtigsten, möglichst schnell eine Unterkunft zu finden.
In einer der engen Seitengasse befand sich die Taverne „Zum alten Turm“, dorthin lenkte er jetzt seine Schritte. In der Gaststube war es heiß und stickig, es roch nach Gebratenem und nach allen möglichen Ausdünstungen die aus den Leibern der Gäste strömten. Ein Nachtlager in einer der Kammern über dem Gastraum war für einige Goldtaler schnell gefunden und das Schankmädchen brachte ihm für einige Silbergroschen eine Schüssel warme würzige Grütze, etwas Brot und einen Krug Wein. Nachdem Lomir sich gestärkt hatte, widmete er sich seiner Abendmeditation und fiel anschließend in eine tiefen erholsamen Schlaf.

Von außen wirkte das Gebäude sehr schlicht, aber im Innern barg es ungeheure Schätze. Die berühmteste und größte Bibliothek Asun verfügte über eine beträchtliche Sammlung seltenster Bücher und Journale. Hier aus Torba stammte der Ahnherr des Fürstenhauses Tona, der berühmte General Panus zu seinen Nachfahren gehört der junge König Redo. Das Haus Tona war schon seit hunderten Jahren bekannt als Förderer der Wissenschaft und so konnte sich hier diese unglaubliche Bibliothek entwickeln.
Lomir wusste, dass sich das Objekt seiner Begierde hier unter dem wachsamen Augen des obersten Bibliothekars verbarg, nicht jeder konnte Zugang zu den geheimsten Schätzen erhoffen. Da Lomir als Priester und Abgesandter seines Tempels vorsprach, war der Zugang zu den verborgenen Bereich der Bibliothek überhaupt möglich.

Tief verborgen im Labyrinth der Bücherregale befanden sich in einem verschlossenen Kabinett die kostbarsten Schätze der Bibliothek, unter anderem auch das verbotene Zauberbuch. Lomir wähnte sich schon am Ziel, als er seine Hand auf den uralten ledernen Einband des Buches legte. Die alte Basiliskenhaut fühlte sich lebendig an, er zögerte das Buch auf zu schlagen. Was würde ihn erwarten?
Kaginde war eine Legende in Lemar, er galt als der größte Magier aller Zeiten, ebenbürtig den Magierinnen der Großen Mutter. In den alten Tempelruinen bei Adu waren noch Spuren seines Wirkens zu finden, sein Wissen und seine Macht galten jedoch als verloren. Bis neue Spuren nach Torba führten, hier sollte sich das letzte verbliebene Exemplar seines Zauberbuches existieren.
Nun lag dieses Buch vor ihm, er musste es nur aufschlagen. Fast war ihm, als würde das Buch zu ihm sprechen.

Was Lomir aus dem verbotenen Zauberbuch erfahren hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er musste es tun, er musste das Zauberbuch aus der Bibliothek mitnehmen, egal um welchen Preis.
Und nun war er auf der Flucht zurück nach Wula-Loe, er musste dieses Buch in den Tempel zurückführen, nur so konnte er das Geheimnis von Kaginde bewahren. Mögen die Götter ihm beistehen.