Ibo – der Sandvogel

 

Das Sonnenlicht schien auf Ibos rostbraunes Gefieder und verlieh ihm einen goldenen Schimmer.
Dieses sehr große raubvogelartige Tier verfügte über einen großen gebogenen Schnabel und lange gekrümmte Krallen sowie weite Schwingen. Er war in der Lage sehr weite Strecken zu fliegen und lautlos durch die Luft zu gleiten. Seine Augen konnten auf sehr weite Entfernung scharf sehen und seine Reaktionen waren blitzschnell.
Sandvögel gehörten zu den geheimnisumwobenen Geschöpfen Melors, hier war ihre Heimat und im Schutze der Felsen des Roten Gebirges zogen sie ihre Jungen groß. Nur in dieser Region Asuns brüteten diese seltenen Tiere. Nur wenige dieser wertvollen Vögel lebten noch in Freiheit, denn sie waren zu einem begehrten Handelsgut geworden.
Zu Hause war Ibo in der Aufzuchtstation des Klosters von Ermand, hier wurde er von den Priestern und Priesterinnen des Klosters ausgebildet und auf seine Aufgabe als Schutzvogel vorbereitet.
Für viele Sandvögel war das Kloster ein sicherer Zufluchtsort. Zwar war die Jagd und die Gefangennahme der Tiere verboten, aber es gab reichlich Wilderer für die der mögliche Gewinn die Schrecken der Strafe aufwog. Das lag sicher auch daran, dass nur wenige von ihnen überführt werden konnten.

Während Arta in ein Gespräch mit einem der hiesigen Priester vertieft war, suchte Kamira einen der schattigen Plätze im Klostergarten auf. Ibo saß auf einem der kleinen Felsen die den Klostergarten umschlossen, er legte seinen Kopf schräg und betrachtete die junge Frau. Kamira war seit einiger Zeit Novizin im Tempel von Udra-Waley und sie hatte sich der Führung der älteren Priesterinnen anvertraut, zu Arta hatte sich ein besonders vertrauensvolles Verhältnis entwickelt.
Vieles hatte sich in ihrem Leben geändert, der Tempelalltag unterschied sich doch sehr von Leben am Fürstenhof. Wenn Kamira ganz ehrlich war, so vermisste sie ihre Mutter und ihre Schwestern, auch wenn sie froh war nun dem täglichen Schwertkampftraining zu entgehen. Nein zur Schwertkämpferin taugte sie nun wirklich nicht und es war ihr auch nicht schwer gefallen, dem Thron von Miley zu entsagen.
Die Ausbildung zur Priesterin entsprang nicht ihrem Widerspruchsgeist, jeder Tag zeigte ihr, dass diese Entscheidung die richtige war. Oberpriesterin Mara hatte sie von Anfang an der Obhut ihrer Schwester Arta anvertraut und diese förderte Kamiras Gaben und Fähigkeiten für die Magie.

Langsam kamen Arta und der Priester auf die junge Novizin zu. „Kamira, bist du dir bewusst, welche Verantwortung du übernimmst, wenn du dich mit einem Sandvogel verbindest?“ fragte der Priester in ernsthaftem Ton. „Ich hoffe, alle Erwartungen erfüllen zu können und würdig für diese Verbindung zu sein.“ Der Priester streckte seinen Arm aus, blies auf einer kleinen Pfeife und schon erhob sich Ibo von seinem Beobachtungsposten, breitete seine Schwingen aus und zog hohe weite Kreise über dem Klostergarten um mit einem eleganten Anflug auf dem Arm des Priesters zu landen.
Kamira konzentrierte ihren Geist genauso wie Arta es sie gelehrt hatte und versuchte den Geist des Sandvogels zu erreichen. Es war einzig und allein Ibos Entscheidung sich mit einem Menschen zu verbinden. Ibo betrachtete die junge Frau vor ihm: Wer war sie? Welchen Weg wollte sie in Zukunft beschreiten? Wollte er diesen Weg mit ihr teile? Vorsichtig verbanden beide ihren Geist mit einander und teilten ihre Gedanken, Wünsche und Hoffnungen miteinander.
Ibo traf seine Entscheidung, er erhob sich vom Arm des Priesters und stieg hinauf in den Himmel sein Ruf drang durch die Luft und er flog auf den Arm zu den Kamira ihm entgegen hielt. Die junge Frau lächelte und strich sanft mit dem Finger der anderen Hand über die gefiederte Brust Ibos.
Das Versprechen stand und ab jetzt würden beide, Mensch und Sandvogel, für einander einstehen.