Prosa

Winterabend

Zum Jahreswechsel habe ich noch eine kleine Erzählung für euch.

Ein stiller Moment mit Kerzenschein an einem Winterabend

Schneeflocken schwirrten im wilden Wirbel vor dem Fenster. Langsam fügten sich die winzigen Kristalle zu einem dichten Teppich zusammen. Auf dem Fenstersims breitete sich ein weißer Pelz aus. Ich saß in dem Zimmer, schaute in die flackernde Flamme der Kerze. Die Wärme des Lichtes breitete sich aus. Es brachte die Kälte des Raumes zum Schmelzen, langsam taute ich auf. Die Kerze war der einzige Lichtpunkt im Raum, sie schaffte es nicht, die Dunkelheit zu erhellen, aber sie beleuchte dennoch den Tisch, an dem ich saß. Mir wurde warm, eine eigentümliche Stimmung überkam mich. Das frostige Schneegestöber dort draußen berührte mich nicht mehr, hier in diesem Raum war ich geborgen und sicher. Gleichzeitig brannte die Flamme der Kerze wie ein weit entfernter Stern im Universum.
Ewig? Unauslöschlich? Nein, diese Kerze war nicht unauslöschlich, sie würde nicht ewig brennen, selbst ein Stern im Universum ist endlich, so wie alles, was uns umgibt. Meine Gedanken irrten umher, durch den endlosen Raum, gefangen in einem Zeitwirbel. Wer bin ich? Was bin ich? Welches Ziel liegt vor mir? Meine Gedanken drehten sich im Kreis, kein Anfang, kein Ende, sie sammelten sich wieder in der Kerzenflamme, die sich in mein Auge brannte.
Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Ding-dong! Das Tönen der Uhr riss mich aus meinen Gedanken. Zwölf Schläge – Mitternacht! Jeder Glockenschlag zerbrach das Schweigen im Raum. Die Stille wurde gebrochen, die mir dadurch erst bewusst wurde. Die Stimmung im Raum veränderte sich. Mit dieser Veränderung löste sich die Harmonie des Augenblicks auf. Zwölf Schläge mitten im Schweigen der Nacht mahnten mich an die Wirklichkeit. Erst als die alte Wanduhr schwieg, fand ich meine Ruhe zurück.
Mein Blick fiel auf die Kerze. Ich sah, wie dies langsam und bedächtig niederbrannte, wie die Zeit, die mir entfloh, langsam und schweigsam. Wieder ein Tag vergangen! Wieder ein Jahr vergangen! Vergangen – vorbei, einfach vorbei! Wohin ist die Zeit? Ist mir nicht manchmal, als ob die Zeit vorbeirase? In diesem einen Moment schleicht die Zeit langsam und bedächtig, aber wenn ich zurückdenke, dann raste sie viel zu oft zu schnell an mir vorbei. Ich werde die Zeit nie begreifen, aber ich werde ihr mein Leben lang ausgeliefert sein.
Schweigend verlosch die Kerze, nur die Laterne draußen auf der Straße ließ einen schwachen Lichtschein in die Dunkelheit des Raumes fallen. So viel Licht, dass ich den weißen Pelz auf dem Fenstersims noch erkennen konnte. Was vermag doch so eine kleine Schneeflocke! Einmal das leicht schwebende, feine Kristall, dann ein dichter silbrig weißer Teppich, der sich über alles legte. Schwebende Flocke und wildes Schneegestöber. Zwei gegensätzliche Seiten einer Sache, zwei Facetten, die doch dasselbe beinhalten. Alles hat zwei Seiten. In Allem liegen jeweils ein positiver und ein negativer Aspekt.
Ohne das Licht der Kerze wirkte der Raum dunkel und kalt, eine Erinnerung an einen dunklen, kalten Winterabend. Und wieder erwartet mich ein neuer Tag.

Winterabend

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