Regen im Mai

Passend zur Jahreszeit gibt es heute eine kleine Geschichte von mir:
Regen im Mai

Regen im Mai

Es regnet in Strömen. Wie kleine Stromschnellen rauscht das Regenwasser an der
Bordsteinkante entlang, um sich am Ende der Straße in großen Pfützen zu sammeln. Mein
Mantel ist durchgeweicht und der Schirm kann den Regen kaum abhalten. Das Wasser flutet
meine schicken, neuen und sehr teuren Schuhe. Bei dem herrlichen Sonnenschein heute Morgen
hatte ich nicht mit Regen gerechnet.
Der Arbeitstag war lang genug. Dann der plötzliche Anruf vom Chorleiter für eine kurzfristig
angesetzte Probe, die kein Ende fand. Ich bin so müde.
Jetzt wünsche ich mir nur eines: Ein warmes, wohlduftendes Bad um im Schaum versinken, der
meinen Körper einhüllt. Später den aromatischen Duft heißen Tees genießen, der in meine Nase
steigt und das wärmende Gefühl im Magen, wenn ich den ersten Schluck nehme.
Doch ich wate pitschnass weiter durch den Regen. Verdammt! Was war das? Mein Fuß fühlt sich
auf einmal so komisch an. Warum ist mein rechtes Bein plötzlich kürzer?
Ich drehe mich um. Nein! Das kann doch nicht wahr sein! Warum passiert immer mir so etwas?
Aus dem holperigen Kopfsteinpflaster ragt mein Schuhabsatz, den Rest an meinem Fuß ziert ein
großes Loch in der Sohle. Wie soll ich denn jetzt nach Hause kommen?
Vielleicht ist das alles nur ein böser Traum? Ich zwicke mich in den Arm. Au! Da ich nicht
aufwache, ist es wohl doch kein Traum. Humpelnd bewege ich mich durch den Regen. Meine
Füße tun mir weh, ich bin patschnass und ich friere. Das nennt sich Wonnemonat Mai. Von Ferne
höre ich Donnergrollen und ein Blitz zuckt zwischen den grauen Wolken. Hastig stolpere ich
weiter.
Soll ich meine Schuhe ausziehen und barfuß weiterlaufen? Nein, davon bekäme ich bloß einen
Schnupfen.
Noch fünf Minuten bis nach Hause. Das schaffe ich! Es donnert und blitzt jetzt unaufhörlich. An
ein Ende ist nicht zu denken. Ich bin so müde. Der Gedanke an meine Badewanne treibt mich
voran. Knack! Oh nein! Jetzt ist auch noch der Schirm abgeknickt. Zu allem Überfluss trage ich
heute den Mantel ohne Kapuze. Viel zu schnell ist mein Haar durchgeweicht, der Regen strömt
über mein Gesicht. Aber nur noch zwei Minuten dann werde ich zu Hause sein. Zeit für ein
schönes heißes Bad, anschließend mit einer Tasse Tee aufs Sofa kuscheln.
Nur noch wenige Schritte und ich bin zu Hause. Endlich stehe ich vor der Haustür, durchwühle
meine Handtasche. Wo verdammt habe ich meinen Schlüssel? In der Handtasche ist er nicht zu
finden, in der Manteltasche steckt er auch nicht. Ich beginne die Tasche auszuräumen, da reißt
der Henkel. Alles fällt in die große Pfütze vor mir. Natürlich, das muss mir jetzt auch noch
passieren! Der Regen prasselt auf mich herab. Die Reste meines Schirmes und der abgebrochene
Absatz, die unter meinen Arm klemmten, gesellen sich zu dem Inhalt meiner Handtasche auf den
nassen Gehweg. Ich stehe wie ein begossener Pudel vor der Tür. Ausgeschlossen!
Da mein Schlüssel drinnen im Trockenen und Warmen auf der Flurgarderobe liegt, stehe ich vor
verschlossener Tür.

© Carola Bach – alle Rechte vorbehalten.

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