Kultur & Gesellschaft

Polydora

„Übrigens möchte ich doch riskieren, ein Esel zu heißen, wenn unsere Liebeslieder nicht einigen Leuten Freude machen.“ Damit hatte Brahms absolut recht!

Höchst wahrscheinlich würde heute niemand mehr über die Texte von Georg Friedrich Daumer sprechen hätte sie Johannes Brahms nicht mittels seiner Musik vor dem Vergessen bewahrt.

Zwei ursprünglich für vier Singstimmen und vierhändiges Klavier komponierte Liederzyklen mit Texten aus der Sammlung Polydora von Georg Friedrich Daumer tragen den Namen Liebeslieder-Walzer: Liebeslieder. Walzer op. 52 von 1868, deren erste öffentliche Aufführung Anfang des Jahres 1870 statt fand, mit Brahms selbst und der ihm eng verbunden Clara Schumann am Klavier sowie Neue Liebeslieder op. 65 aus dem Jahr 1874.

Brahms selbst gab der Besetzung mit Solostimmen und Klavier den Vorzug:
„Wenn ich etwa davon schrieb (von einer alternativen Chorbesetzung), so meinte ich: wir möchten stillschweigend Rücksicht nehmen auf die heutige Unsitte, alles mit mehr oder weniger Unge-schmack möglichst anders zu musizieren, als der Komponist schrieb. Wie denn z. B. Meine Liebes-lieder vom Chor und gar mit Orchester musiziert werden!“
Später verfasste er allerdings auch eine Bearbeitung für Orchester.
Heute gehören die Liebeslieder-Walzer zum beliebten Repertoire vieler Chöre.

Im Jahr 1871 macht sich Johannes Brahms auf eine Reise nach Würzburg um dort Georg Friedrich Daumer zu besuchen, von dem er mehr als 50 seiner Gedichte und Übersetzungen vertont hat, wie z.B. das schöne Lied: Wie bist du meine Königin…

Wer war dieser Georg Friedrich Daumer?

Georg Friedrich Daumer galt als berüchtigter Autor progressiver, erotisch freizügiger Lyrik. Er veröffentlichte, in seinem 1855 erschienen „Weltpoetischen Liederbuch“ unter dem schönen Titel „Polydora“ Volksgedichte aus 35 verschiedensten Nationen in eigenen Übersetzungen und freien Nachdichtungen. Slawisches Temperament und naiv-derbe Volksdichtung prägen den Charakter des „Weltpoetischen Liederbuch“.
Während im 19. Jahrhundert seine Lyrik aufgrund seiner Frauenbilder und Huldigungen als leicht skandalös und erotisch freizügig galt, erscheinen uns heute diese Texte eher banal.
Neben seinen eigenen Dichtungen erlangte Daumer auch Beachtung als Übersetzer orientalischer Gedichte, seine morgenländischen Gedichtsammlung mit arabisch-persischen Gedichten gelten als gelungene Orientrezeptionen.

Das Leben des Georg Friedrich Daumer: 1800 geboren und aufgewachsen in Nürnberg, dort besuchte er das Egidiengymnasium, dem damals Friedrich Hegel als Rektor vorstand. An der Universität Erlangen begann Daumer 1817 das Theologiestudium. Zu dieser Zeit wandte er sich dem Pietismus zu und trat dem pietistischen Zirkel der Erlanger Studentengemeinschaft bei. Diese frühe Hinwendung zum Pietismus prägte Daumer nachhaltig.

Nach Abbruch seines Theologiestudiums setzte Daumer sein Studium in Leipzig fort und wendete sich dem Fach Philologie zu. Nach dem Studium wirkte er bis zu seiner krankheitsbedingten frühzeitigen Pensionierung als Lehrer an der Latein-Schule. Der Nürnberger Rat betraute ihn im Jahr 1828 mit der Erziehung von Kaspar Hauser.

Der Religionsphilosoph G.F. Daumer: Ab 1832 übte Daumer scharfe Kritik am Protestantismus und besonders am Pietismus, auch aufgrund seiner Erlanger Erfahrungen.
In seinen frühen Werken ist Daumer romantisch-theosophisch geprägt, später wurde er zum entschiedenen Kritiker des Christentums, besonders des Protestantismus und Pietismus. Daumer selbst sah sich als theistischen Materialisten, nach einer kurzfristigen Hinwendung zum Islam und Judentum trat Daumer 1858 überraschend zum Katholizismus über aber auch hier erlebte er bald eine Ernüchterung. 1866 sagte er: „Die Einheit des Entgegengesetzten ist übrigens ein Grundzug meines Wesens, hat sich auch früher stets verrathen und war die Ursache, daß ich mich mit keiner der Tagesparteien auf die Länge vertrug und daß ich mich der Welt, die nur die Zerreißung kennt und versteht, niemals recht verständlich machen konnte.“
Zu seinem Leben gehörte eine schwierige Ehe, die geprägt war vom Geldmangel, außerdem gründete er den 1. Deutschen Tierschutzverein.
Ein Mann mit einem bewegten Leben, der einiges durchgemacht hat. 1875 verstarb Daumer in Würzburg.

Georg Friedrich Daumer.jpg
Von Unbekannt – old picture, has been published in books and elsewhere on the internet, Gemeinfrei, Link

Diesen Beitrag gibt es auch zum Hören, auf https://blog.kulturkramkiste.de/2019/06/04/ein-weltpoetisches-liederbuch/

Welttag der Poesie

Ja, den gibt es…

Er soll in einem Zeitalter, in dem neue Informationstechnologien dominieren, an den „Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern“.

Für mich persönlich hat Poesie und Lyrik einen hohen Stellenwert, sie gehört zu meinem Alltag.

Vielleicht bietet sich heute die Gelegenheit mal wieder zu einem Gedichtband zu greifen und Poesie und Lyrik neu zu erleben oder greift einfach zur Feder um selbst ein paar Zeilen und Verse zu verfassen…

Poesiealbum

In meiner frühen Jugend gab es sie noch: die Poesiealben.
Alle Mädchen in meiner Klasse besaßen eines und jeder trug sich dort ein, ebenso wie Lehrer, Freunde und Familie.
Heute ist das Poesiealbum dem Freundschaftsbuch gewichen.

Doch was stand denn nun in diesem Poesiealbum? Das waren klassischen Sprüche wie zum Beispiel:

In allen vier Ecken
soll Glück drin stecken.

Rosen, Tulpen, Nelken,
alle Blumen welken,
nur die eine nicht,
und sie heißt Vergissmeinnicht.

Willst du glücklich sein im Leben,
trage bei zu And’rer Glück
denn die Freude, die wir geben,
kehrt ins eigne Herz zurück.

oder auch kleine Verse, Gedichte oder Zitate. Auf der ersten Seite stand meist ein Spruch, wie dieser: „Wer in dieses Büchlein schreibt, den bitte ich um Sauberkeit.“

Die Eintragungen ware meist handschriftlich, manchmal auch kaligrafisch mit Feder und Tinte gestaltet.
Dazu kam die kreative Ausgestaltung meist mit Stammbuch- oder Glanzbildern, in seltenen Fälle auch Selbstgezeichnetes.

Beispiele für Stammbuchbilder aus der DDR findet ihr unter diesem Link: http://virtuelles-ddrmuseum.de/seiten/stammbuchbilder.htm.

Und jetzt noch ein paar Worte zur Geschichte des Poesiealbums beziehungsweise Stammbuches:

Bereits zu Ende des 16. Jahrhunderts gab es die ersten Stammbücher, in die sich Freunde eintrugen. Im 18. Jahrhundert waren Stammbuchblätter besonders unter Studenten verbreitet, diese umfassten neben Sprüchen und Zitaten kleine Skizzen oder aufwendige Zeichnungen.

Unter http://kulturerbe.niedersachsen.de/viewer/browse/slg0003/-/1/-/-/ findet ihr eine Sammlung von Stammbuchblättern.

Im 19. Jahrhundert erlebte das Poesiealbum seine Blütezeit und war besonders in literarischen Zirkeln beliebt.



Vielleicht gibt es in eurer Familie auch noch solche Erinnerungsstücke?